18

Richard Nordeschenko hatte einen sehr guten Plan. Das war der Grund, warum er in einem schicken Bistro auf der Upper East Side saß und eine attraktive Frau mittleren Alters aus der relativen Sicherheit der Bar beobachtete.

Drei andere Gäste unterhielten sich mit der Frau am Tisch und lachten. In diesem Bistro tummelten sich Menschen, die wohlhabend und erfolgreich aussahen. Die beiden männlichen Begleiter trugen maßgeschneiderte Anzüge und teure Hemden mit goldenen Manschettenknöpfen. Die zweite Frau in der Gruppe schien sie ziemlich gut zu kennen. Das Gespräch war lebhaft, vertraut. An Wein wurde nicht gespart. Richtig nett.

Nordeschenko war der Frau vom Gericht nach Hause gefolgt. Zu ihrem hübschen Haus in Murray Hill. Nachdem sie hineingegangen war, hatte er sich direkt vor die rote Holztür gestellt. Kein Portier. Genau so lief das hier. Und das Schloss würde ein Kinderspiel sein. Er kontrollierte die Drähte, die vom Sicherheitssystem zur Sprechanlage verliefen. Auch hier gab es kein Problem.

»Mr. Kaminsky.« Die hübsche Wirtin kam lächelnd auf ihn zu. »Ihr Tisch ist fertig.«
Sie hatte ihm genau den Tisch gegeben, den er hatte haben wollen – neben dem Tisch, an dem die Frau saß, die er verfolgt hatte. Es machte ihm nichts aus, ihr so nah zu sein. Sie kannte ihn nicht, würde sein Gesicht nie wieder sehen. Solche Dinge hatte er schon unzählige Male getan.
Angefangen hatte er in der Spetsnaz-Brigade, einer Spezialeinheit in Tschetschenien. Dort hatte er gelernt, präzise und ohne Gewissensbisse zu töten. Sein erster richtiger Job war ein örtlicher Bürokrat in Grosny gewesen, der sich mehrere Pensionen unter den Nagel gerissen hatte. Ein echtes Schwein. Eins der Opfer war an Nordeschenko herangetreten, um die Rechnung begleichen zu lassen. Dabei hatte er so viel Geld verdient wie sonst in sechs Monaten – und ohne Gefahr zu laufen, dass ihm einer der tschetschenischen Rebellen eine Kugel durch den Kopf jagte. Er befreite die Welt vom Dreck. Das konnte er locker rechtfertigen. Also platzierte er eine Brandbombe im Rennboot des Bürokraten und ließ ihn hochgehen.
Der nächste Fall war ein Polizist in Taschkent gewesen, der Prostituierte erpresste. Die Entlohnung war fürstlich gewesen. Dann ein Mafioso in Moskau. Ein richtig hohes Tier; unmöglich, nahe an ihn heranzukommen. Er hatte als Teil des Auftrags das ganze Gebäude in die Luft jagen müssen.
Dann hatte er angefangen, seine Dienste jedem anzubieten, der bezahlte, was er verlangte. Es war die Zeit der Perestroika, des Kapitalismus. Schließlich war er selbst nur ein Geschäftsmann. Er hatte den Durchbruch geschafft.
Wieder blickte er zu der schicken Frau. Schade. Sie schien erfolgreich zu sein. Und sogar sympathisch. Er wusste genau, wie es weitergehen würde. Es würde mit etwas Kleinem beginnen. Einer Nachricht, irgendwas, das ihr den Verstand rauben würde. Nicht lange, und sie würde sich in die Hosen scheißen.
Es würde keine Gerichtsverhandlung geben.
Als sich die Frau auf ihrem Stuhl drehte, fiel der blaue Kaschmirpullover, den sie über ihre Schultern gelegt hatte, auf den Boden.
Ein Kellner eilte herbei, doch Nordeschenko war schneller. Er griff nach unten und hob den Pullover auf.
»Vielen Dank.« Die Frau lächelte ihn herzlich an. Ihre Blicke trafen sich. Nordeschenko machte keine Anstalten, ihren Blick zu meiden. In einer anderen Welt war sie wahrscheinlich ein Mensch, der bewundert wurde und Respekt verdiente. Aber dies hier war seine Welt.
Er reichte ihr den wunderschönen Pullover zurück und erwiderte ihren Dank mit einem leichten Nicken. »Gern geschehen.«
Das hatte er wirklich gern getan. Er hatte so vielen seiner Opfer in die Augen geblickt, bevor er zur Tat geschritten war.
Dein Leben wird die Hölle, Miriam Seiderman.

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